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Fridtjof Nansen – vom Polarforscher bis zum Friedensnobelpreisträger

Fridtjof Nansen in seine Kajüte.
Foto: privat
Fridtjof Nansen in seiner Kajüte auf der "Fram".

Schon sehr früh packte mich das Interesse an verschiedenen Entdeckern, insbesondere das Leben von Polarforschern, die zu Expeditionen in die Arktis und Anarktis aufbrachen. Scott, Amundsen, Peary, um nur einige Namen zu nennen.

Mein besonderes Interesse gilt aber jeher dem Polarforscher Fridtjof Nansen, von dem ich auch meinen Namen habe. Im Sommer 2021 besuchte ich mit meiner Familie unter anderem in Oslo das „Fram“ Museum, in dem das von Nansen erbaute Polarschiff die „Fram“ im Original zu besichtigen ist und in dem ich noch viele weitere spannende Details aus Nansens Leben erfuhr.

Das „Fram“ Museum in Oslo
Foto: privat

Fridtjof Nansen war Entdeckungsreisender, Schriftsteller, Sportler, Ozeanograpf, Staatsmann und Träger des Friedensnobelpreises. Außerdem rettete er durch seine humanitäre Arbeit nach dem Ersten Weltkrieg Tausenden Menschen das Leben.

Fridtjof Nansen wurde am 10. Oktober 1861 im heutigen Oslo geboren. Gemessen an den damaligen Verhältnissen, hatte er eine sorglose Kindheit. Die Familie verfügte über einen gewissen Wohlstand. So konnte er während der Kindheit und Jugendzeit seinen vielen Interessen nachgehen. Nansen tat sich als Junge unter Gleichaltrigen durch seine unersättliche Wissbegier und ausgeprägte Entschlusskraft hervor. In dem geräumigen Haus in Store Frøen bei Oslo verbrachte er mit seinem Bruder Alexander und seinen Halbbrüdern und -schwestern glückliche Jahre. Die Kinder wurden trotz Wohlstand zu harter Arbeit und Disziplin angehalten, die Lebensweise war eher genügsam.

Physik und Mathematik lagen ihm am meisten. Aber seine Liebe zur Natur, so meinte er, könnte er besser mit dem Studium der Zoologie verbinden. Später wurde die Ozeanografie, die damals noch in den Kinderschuhen steckte, zu seiner Berufung.

Seine Leidenschaft für die Arktis entstand bereits während der Studienzeit, als er 1882 mit dem Robbenfangschiff „Viking“ zum Nordpolarmeer fuhr. Er hatte von seinem Professor den Auftrag, seine Beobachtungen über die Windverhältnisse, Meeresströmungen, Bewegungen des Eises und das Leben der Tiere niederzuschreiben. Seine ausführlichen wissenschaftlichen Beschreibungen illustrierte er mit glänzenden Skizzen. Während der Reise kam er außerdem einer neuen Theorie auf die Spur. Ein Stück Treibholz auf dem Eis löste die Frage aus, wo es hergekommen sein mochte. Nansen nahm Sibirien als Herkunftsgebiet an. Den Beweis erbrachte er Jahre später mit der weltberühmten „Fram“-Expedition.

Als Nansen von seiner Reise mit der „Viking“ heimkehrte und das Studium abgeschlossen hatte, bot ihm das Museum in Bergen 1881 die Stelle des Konservators für die naturgeschichtliche Sammlung an. In Bergen forschte Nansen sechs Jahre lang, nicht draußen unter freiem Himmel, wie er es erhofft hatte, sondern im Laboratorium. Es war ein jäher Übergang vom rauen Leben an Bord eines Schiffes zur alltäglichen Routine am Mikroskop. Seine zoologischen Forschungen galten dem Zentralnervensystem, einem der schwierigsten und mühevollsten Zweige der Zoologie.
Im Sommer 1885 arbeitete er in der biologischen Station in Neapel, wo er zahlreiche Anregungen für seine weitere wissenschaftliche Arbeit erhielt.

Seine Leidenschaft für die Arktis ließ ihn auch in Bergen nicht los. 1887 begann er mit den Vorbereitungen, um das Inlandeis Grönlands zu überqueren. Es war ein kühnes Vorhaben, manche hielten es sogar für tollkühn. Statt an der bewohnten Westküste an Land zu gehen und sich von dort aus dem Landesinneren zu nähern, wollte er an der Ostküste landen und Grönland in Richtung Westen überqueren. Hauptgrund für diese Entscheidung war, dass bei einer Überquerung Grönlands von Westen nach Osten der gleiche Weg doppelt zurückgelegt werden musste, da an der unwirtlichen Ostküste kein Schiff hätte warten können. Mit der Ostküste als Ausgangspunkt war folglich die Strecke nur halb so lang. Aber es gab eben auch keinen Weg zurück. Außerdem war es typisch für Nansen, alles auf eine Karte zu setzen.

Seine Männer sahen sich vor gewaltige Aufgaben gestellt: Ein fast lückenloser Gürtel von Packeis, das der mächtige Polarstrom mit sich führte, blockierte die Ostküste. Riesige Eisberge trieben in den wenigen geschützten Buchten, und die Eismassen überhängender Gletscher drohten herunterzustürzen. Hinter dieser Furcht einflößenden Barriere lag eine Bergkette wie ein Kranz um die Insel. Viele Menschen waren hier schon mit ihren Schiffen zugrunde gegangen.

Die finanziellen Mittel stellten ein weiteres Hindernis dar. Obwohl die Universität Nansens Plan befürwortete, war das Storting nicht bereit, für ein derart waghalsiges Projekt, dessen wissenschaftliche Bedeutung fragwürdig war, Mittel zu bewilligen. Tausend Dollar von einem reichen Kaufmann in Kopenhagen waren jedoch genug, um die Sache ins Rollen zu bringen.

Mit äußerster Gründlichkeit plante Nansen jeden Schritt der Expedition. Ihr Erfolg war hauptsächlich auf diese große Sorgfalt zurückzuführen, die er auch auf das kleinste Detail verwendete. Die sechs Mann starke Expedition machte sich im Sommer 1888 auf den Weg. Am 17. Juli verließen die Abenteurer das Schiff und ruderten in kleinen, offenen Booten an Land. Sie rechneten mit zwei bis drei Stunden Fahrzeit. Stattdessen brauchten sie zwölf Tage. Unterwegs wurden sie häufig von großen Eisschollen eingeschlossen, und um das offene Gewässer wieder zu erreichen, mussten sie ihre Boote über das Eis ziehen.

Erst am 29. Juli erreichten sie festen Grund, jedoch an einer 500 km weiter südlich gelegenen Stelle als geplant. Gegenwind und Strömungen hatten sie so weit nach Süden getrieben. Etwa einen Monat nach Verlassen des Schiffes hatten sie endlich auch die steilen Klippen an der Küste überwunden und konnten sich auf den eigentlichen Weg über das Inlandeis machen. Der Marsch dauerte bis Ende September. Nach übermenschlichen Anstrengungen und bei Temperaturen von bis zu –50 °C hatten sie endlich die Westküste erreicht.

Als 27-Jähriger hatte Nansen seine Mannschaft unfallfrei durch ein Gebiet geführt, das vorher kein Mensch betreten hatte. Auf diesem anstrengenden Marsch hatten die Männer ihre meteorologischen Beobachtungen und andere wissenschaftliche Daten sorgfältig aufgezeichnet. Da erst im Frühjahr wieder ein Schiff die Westküste verließ, nutzte Nansen den unfreiwilligen Winteraufenthalt in Grönland, um das Leben der Inuits zu erforschen und Material für sein späteres Buch „Eskimoleben“ (1891) zu sammeln. Im Mai 1889 kehrten Nansen und seine Männer im Triumph nach Norwegen zurück, wo ihnen ein Empfang bereitet wurde, wie er den Helden einer Nation gebührt.

Nansen ließ das Treibholz auf der Eisscholle keine Ruhe. Ein weiterer Beweis für eine Meeresströmung in Richtung Ost-West war aufgetaucht, als bei Grönland Teile der Ausrüstung eines amerikanischen Schiffes entdeckt wurden, das 1879 nördlich von Sibirien auf Grund gelaufen war. Nansen war überzeugt, dass die Schiffsreste einer arktischen Strömung gefolgt waren, die von Sibirien am Nordpol vorbei nach Grönland trieb.

Er brauchte ein starkes Schiff, das dem Druck des Eises standhalten konnte. Mit diesem Schiff wollte er von Sibirien aus Richtung Nordpol fahren, bis es im Packeis festfror. Er wollte an Bord bleiben, während die Strömung das Schiff westwärts zum Nordpol und von dort aus nach Grönland treiben würde. Er legte seine Theorie der Norwegischen Geografischen Gesellschaft und der Royal Geographical Society of London vor. Sein Plan stieß auf kopfschüttelnde Skepsis bei den Gelehrten. Sie hielten den Bau eines solchen Schiffes nicht für möglich, und das Vorhaben sahen sie als reinen Selbstmord an.

Drei Jahre dauerten die Vorbereitungen und der Bau des Schiffes „Fram“. Die „Fram“ hatte einen Rumpf aus drei Schichten Eiche und Greenheart, war in alle Richtungen mit schweren Balken versteift und deshalb unglaublich stark. Bug und Heck waren mit Eisen beschlagen. Wenn das Eis begann, mit seinen gewaltigen Kräften gegen das Schiff zu drücken, sollte es aufgrund der abgerundeten Formen ganz einfach hochgedrückt und nicht zerquetscht werden. Die Kabinen und Aufenthaltsräume waren warm und gemütlich.

Die „Fram“
Foto: privat

Unter den 12 Expeditionsmitgliedern war Otto Sverdrup, der mit ihm Grönland überquert hatte. Er wurde Kapitän der „Fram“. Im Juni 1893 verließ die Expedition Kristiania (heute Oslo), versehen mit Proviant für sechs und mit Heizöl für acht Jahre. Nansen rechnete zwar nur mit zwei bis drei Jahren Reisedauer, ging aber kein Risiko ein. In Norwegen ließ er seine Frau Eva (geb. Sars), eine vielversprechende junge Sängerin, und seine sechs Monate alte Tochter Liv zurück.

In den drei Jahren, in denen die Mannschaft ohne jeglichen Kontakt mit der Außenwelt lebte, war die „Fram“ ein sicherer, gemütlicher Aufenthaltsort. Obwohl die gefürchteten Eisschollen mit ihrem enormen Druck das Schiff mit seinen 530 Tonnen zu zerbrechen drohten, hielt es stand und war später noch genauso dicht und sicher wie im Neuzustand.
Außer dem Eis war die Langeweile und in ihrem Gefolge die Erschöpfung eine anhaltende Bedrohung, die Nansen abwehrte, indem er seine Leute wissenschaftliche Beobachtungen durchführen und aufzeichnen ließ.

Nach vielen Monaten hatte sich die „Fram“ nur ein kleines Stück weiterbewegt. Es sah nicht so aus, als ob das Schiff so nah an den Pol herankommen würde wie erhofft. Nansen beschloss deshalb, auf Skiern einen Vorstoß zum Pol zu machen, und nahm Hjalmar Johansen mit.
Die Verantwortung für die „Fram“ überließ er Otto Sverdrup.

Nansen und Johansen verließen das Schiff am 14. März 1895. Mit Hunden, Kajaks und Schlitten unternahmen sie den Versuch, den Nordpol zu erreichen. Aber sie kamen viel zu langsam voran, die Umstände waren schlimmer als erwartet. Als sie endlich 86° 14′ nördliche Breite erreicht hatten und dem Nordpol näher waren als je ein Mensch zuvor, gaben sie auf und schlugen den Weg Richtung Franz-Josef-Land ein.

Für die fünfhundert Kilometer lange Strecke brauchten die beiden Männer fünf Monate äußerster Anstrengung. Sie erreichten eine Insel, der Nansen später nach dem britischen Entdeckungsreisenden JACKSON den Namen Jackson Island gab. Dort überwinterten sie neun Monate in einer kleinen selbst gebauten Steinhütte.

Im Mai 1896 machten sie sich auf den Weg nach Süden. Mitte Juni hatten sie das unfassbare Glück, in der Einöde des Eises auf Frederick Jackson zu stoßen, den Leiter der britischen wissenschaftlichen Expedition, die auf Franz-Josef-Land arbeitete. Die Norweger folgten ihm ins Hauptlager der Briten.

Zwei Monate später, am 13. August 1896, wurden Nansen und Johansen von Jacksons Schiff in der nordnorwegischen Stadt Vardø an Land gesetzt.

Am gleichen Tag befreite sich die „Fram“ in der Nähe von Spitzbergen aus dem Packeis. Nur eine Woche nach Nansens und Johansens Rückkehr lief die „Fram“ im Hafen von Skjervøy in Nordnorwegen ein. Wie Nansen vorausgesehen hatte, war das Schiff mit der Strömung nach Westen getrieben. Damit hatte sich seine Theorie von der polaren Meeresströmung als richtig erwiesen.

Am 9. September 1896 erreichten die Männer Oslo, wo ihnen ein stürmischer Empfang bereitet wurde. NansenS Forschungen brachten neue Kenntnisse von unschätzbarem Wert. Sie bewiesen, dass es in der Nähe des Nordpols auf der eurasischen Seite kein Land gab, sondern nur tiefes, von Eis bedecktes Meer. In einer gewissen Tiefe unter dem Polareis wurde eine Strömung warmen Atlantikwassers entdeckt. Die aufgezeichneten Beobachtungen über Strömungsverhältnisse, Winde und Temperaturen waren der Forschung noch Jahrzehnte lang von Nutzen.

Nansen wurde Professor für Meeresbiologie. Er wechselte zwischen der Arbeit an der Universität und Feldexpeditionen und unternahm ausgedehnte Reisen auf dem Europäischen Nordmeer und dem Atlantischen Ozean.

Nansens Weg vom Leben als Entdeckungsreisender und Forscher zu dem als Staatsmann war nur kurz: In Norwegen entwickelt sich an der Schwelle zum 20. Jahrhundert die politische Situation aufgrund von Uneinigkeiten über die damalige Union von Norwegen und Schweden zu einer schweren Krise. Ein Krieg drohte auszubrechen. Nansen versuchte seine Landsleute zu ermutigen, für ein freies Norwegen einzutreten. Als die Schweden Forderungen stellten, die für Norwegen unannehmbar waren, wurde Nansen erst nach Kopenhagen und dann nach Großbritannien geschickt, wo er fast einen ganzen Monat darauf verwendete, die Briten von der Gerechtigkeit der norwegischen Sache zu überzeugen. Nach zähem Ringen wurde ein Abkommen unterzeichnet, dass Norwegen die Unabhängigkeit von Schweden brachte.

1905 wurde Nansen gebeten, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen. Er lehnte mit der Begründung ab, er sei Naturforscher. Obwohl ihm die Wissenschaft am Herzen lag, konnte Nansen die Bitte nicht abschlagen, Botschafter Norwegens in London zu werden. Er hatte das Amt von 1906 bis 1908 inne.

Der Erste Weltkrieg setzte der Meeresforschung und wissenschaftlichen Expeditionen für mehr als vier Jahre abrupt ein Ende. Norwegen blieb neutral, geriet aber in große Schwierigkeiten, als die USA, die 1917 in den Krieg eintraten, die Ausfuhr von Lebensmitteln einschränkten. Eine Kommission mit Nansen an der Spitze wurde nach Washington entsandt. Über ein Jahr lang führte er dort einen langwierigen und häufig verzweifelten Kampf um die Versorgung Norwegens mit Nahrungsmitteln, ohne dass das Land im Gegenzug seine Neutralität opfern musste.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Europa und Asien eine halbe Million vergessener Kriegsgefangener, die für Deutschland und seine Verbündeten gekämpft hatten. Im Auftrag des Völkerbundes, den Nansen seit seiner Gründung unterstützte, organisierte er mit großem persönlichen Einsatz bis 1922 die Rückkehr von 400 000 Kriegsgefangenen in ihre Heimat.

In der gleichen Zeit stürzte in Russland eine unerwartet schlechte Getreideernte zwanzig Millionen Menschen in eine Hungersnot. Dazu kamen Epidemien. Das internationale Komitee des Roten Kreuzes wandte sich mit der Bitte an Nansen, das Hilfsprojekt für die hungernden Menschen in Russland zu leiten. Er stellte sein wissenschaftliches Interesse abermals zurück und nahm die Aufgabe an.
Infolge von zahlreichen politischen Auseinandersetzungen in verschiedenen Regionen gab es im Nachkriegseuropa außerdem eine große Anzahl von Flüchtlingen, die in menschenunwürdigen Verhältnissen lebten. Der Völkerbund bat Nansen, das Amt des Hohen Kommissars für Flüchtlinge zu übernehmen und den Einsatz der verschiedenen Hilfsorganisationen zu koordinieren. Auch dieser Aufgabe nahm sich Nansen an.

Ein Rettungsring der „Fram“, ein Symbol dafür, dass Nansen ein Rettungsanker für viele
Flüchtlinge war.
Foto: privat

Fridtjof Nansen erhielt 1922 den Friedensnobelpreis, mit dem sein Einsatz für die Flüchtlinge und Hungernden geehrt wurde. Das damit verbundene Geld spendete er für internationale Hilfsmaßnahmen.

Ab 1925 wendete Nansen einen großen Teil seiner Zeit für Hilfsmaßnahmen zugunsten armenischer Flüchtlinge auf. Bei Tagungen des Völkerbundes von 1925 bis 1929 spielte er sowohl bei der Vorbereitung einer Konvention gegen die Zwangsarbeit in den Kolonialgebieten als auch bei der Vorbereitung einer Abrüstungskonferenz eine zentrale Rolle.

Nansen starb am 13. Mai 1930 in Lysaker.

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